5 Tage zwischen Pyrenäen und Costa Brava
Es ist kalt. Napoli läuft brav neben dem Rad während ich diesen einsamen Pyrenäenpass hinauf trete. Um uns nichts als bewaldete Hügel, hier und da eine leere Weide. Manchmal in der Ferne ein Haus vor einer untergehenden Sonne. Mit diesen Temperaturen hatte ich nicht gerechnet, Anfang Oktober, in den Pyrenäen, gegen Abend. Ich halte schon seit längerem Ausschau nach einem Platz für das Zelt. Da sehe ich in der Ferne ein Haus und eine Tafel neben der Straße verspricht eine „Gîte“, also eine Zimmervermietung. Spontan beschließe ich, anzufragen. Ein Zimmer bekommen wir nicht, doch dürfen wir im offenen Heulager das Zelt aufschlagen.


Am Col d’Ares grüßt Spanien
Unsere erste Etappe auf dem Pirinexus Radweg liegt hinter uns und während ich gemütlich im Schlafsack kuschle, Napoli an meiner Seite schon seelig schlummert, betrachte ich die Fotos des Tages. Wir sind im französischen Maureillas-las-Illas gestartet, weil das unmittelbar neben der Autobahn für mich am schnellsten zu erreichen war. Nachdem die Wettervorhersage nur für die nächsten zwei Tage Sonne vorhersagt, möchte ich die Berge schnell hinter uns bringen. An der Küste werden Regenschauer nicht so schlimm sein, denke ich.
Die Radroute ist wunderbar ausgeschildert und über viele Kilometer verläuft sie abseits der Straße, so dass Napoli ungehemmt laufen – oder besser trödeln – kann. Wir kommen nur langsam voran weil Herr Hund Gerüche prüfen muss und hier und da sein Markenzeichen setzen. So ist es nun mal bei uns. Oft bleibe ich stehen und warte. Anleinen möchte ich ihn nicht, daran hätte er wenig Spaß. Er soll sich ausleben, denn später muss er für eine Weile in den Anhänger weil es im engeren Tal keinen separaten Radweg mehr gibt. Das Wetter ist so là-là, wie der Franzose sagt, die Dörfer sind ebenso unspektakulär wie die Landschaft. Abgesehen von diesem toll ausgebauten Radweg, auf dem wir kaum andere Radler treffen, bin ich zuächst mal gedämpft begeistert.
Zurück zu Tag zwei. Am Morgen baue ich flux das Zelt ab und nur Napoli bekommt sein Frühstück. Ich gehe leer aus, denn Kochutensilien habe ich nicht im Gepäck. Mir reicht schon der Fahrradanhänger, der mit vierbeiniger Ladung etwa 30 kg wiegt. Napoli darf laufen, während ich das letzte Stück zur Passhöhe des Col d‘Ares hinauf pedaliere. Wir überschreiten fast unmerklich die Grenze nach Spanien. Es ist menschenleer. Nur wir und die Weite der Pyrenäen. Für die Abfahrt ziehe ich mehrere Schichten Kleidung übereinander, nur an Handschuhe habe ich nicht gedacht. Also die Ärmel weit herunter ziehen, Hund in den Anhänger und abwärts geht’s.
Entspannt unterwegs auf alten Bahntrassen
Erst am Fuß des Passes erreichen wir einen Ort mit kleinem Lebensmittelladen und ich verspeise mein spätes Frühstück auf den Stufen davor. Dann geht es weiter und der Radweg gefällt mir mehr und mehr. Lange Sequenzen verlaufen auf Naturpiste. Durch Ortschaften leitet die Beschilderung immer abseits der Hauptstraße. Wir treffen ein radreisendes Paar, sonst kaum jemand auf zwei Rädern. Napoli kann wieder nach Herzenslust kreuz und quer laufen.
Am Nachmittag rasten wir an einem Bach und ich verteile den gesamten Inhalt der Satteltaschen auf den Bäumen. Zelt und Schlafsack müssen dringend trocknen, sonst wird die kommende Nacht ungemütlich. Es dauert aber noch, bevor mir ein Fleckchen zusagt, an dem ich im letzten Tageslicht das Zelt aufstelle. Es ist kein sonderlich idyllischer Platz, doch zumindest sollten wir hier ungestört sein. Denke ich, bis uns am nächsten Morgen ein vorbeifahrendes Fahrzeug weckt.
Der dritte Tag beginnt ganz wunderbar auf der Ruta del Carrilet, wie dieser Streckenabschnitt heißt. Zwischen den üppig bewachsenen Steinmauern der ehemaligen Bahntrasse, durch kurze Tunnel, über Holzbrücken zuckeln wir durch dichte Vegetation. Bänke laden zur Rast ein, gelegentlich passieren wir Wasserpumpen, an denen ich die Trinkflaschen auffülle. Die Infrastruktur des Pirinexus Biketrail ist wahrlich hervorragend.
Selbst die Einfahrt nach Girona mit immerhin 100.000 Einwohnern, wurde so geschickt angelegt, dass Verkehrsstraßen bis fast zum Stadtzentrum völlig gemieden werden. Dort allerdings wird es fummelig und die gewohnten Wegweiser sind nicht zu finden. Einbahnstraßen erschweren das Vorankommen, viele Passanten machen das Schieben des langen Gespanns auf dem Bürgersteig kompliziert. Aber Girona’s Stadtkern ist hübsch mit seinen bunten Häusern entlang des Flusses. Das entschädigt.
Costa Brava – anders als gedacht
Als Tagesziel hatte ich mir eine Anhöhe oberhalb des Meeres vorgestellt. Vor dem Zelt sitzend, wollte ich die untergehende Sonne betrachten – so richtig romantisch eben. So kommt es, dass ich die folgende hübsche Passage viel zu eilig hinter mich bringe. Keine Zeit für ein Foto, einen immer mehr maulenden Hund im Anhänger. Es zieht sich. Kein Alimentari liegt entlang des Weges und meine Speisevorräte sind gering. Egal, Hauptsache wir campieren mit Blick auf das Meer! Am Ende des Tages errichte ich das Zelt mit Stirnlampe auf einem eigentlich privaten Brachgelände. Es ist ja quasi ein Notfall. Kein Meerblick. Kein Abendessen.

Erst am Morgen erreichen wir den Strand und ich muss erkennen, wie abwegig mein Verlangen nach einem romantischem Zeltplatz war. Die Küste ist mit Wohnblöcken gepflastert. Die Hauptstraße säumen allerlei Ramschläden. Ich bin froh, diesen Molloch bald hinter mir zu lassen und wieder auf eine Staubstraße abbiegen zu können. Hier hat uns der Pirinexus wieder, der durch das Hinterland zum nächsten Küstenkontakt am Golf de Roses verläuft.
Die Landschaft hat sich kontinuierlich gewandelt. So grün, üppig und wasserreich es noch in den Pyrenäen war umso trockener und staubiger ist es jetzt. Trotzdem gefallen mir diese Pisten, die uns von einem hübschen Dorf zum nächsten führen. Vorüber an Feldern mit verblühten Sonnenblumen und endlosen Apfelplantagen.
In der Bucht von Roses sieht die Costa Brava schon ganz anders aus. Vor allem jetzt in der Nachsaison. Hier finde ich den fast perfekten Platz zum Zelten auf einem riesigen, geschlossenen Parkplatz direkt am Strand. Nur eine niedrige Düne trennt mich vom Sonnenuntergang. Der Parkplatz liegt neben zwei Campingplätzen gewaltigen Ausmaßes, die beide schon im Winterschlaf sind. Trotzdem wummert es bis weit in die Nacht aus einer Diskothek und ich möchte nicht erleben, wie es hier in der Hauptsaison zugeht.


Adios España
Bislang hat das Wetter gut gehalten. Nur am letzten Tag unserer Radrundreise erwischt uns noch etwas Regen. Wir haben die dicht besiedelte spanische Küste wieder glücklich verlassen als uns die ersten Tropfen einnässen. Gut, dass Napoli hier wieder bedenkenlos laufen kann, denn bei Regen sitzt er ungern im Anhänger. Vorbei an landwirtschaftlich genutzten Flächen, die sich stimmungsvoll im Nebel verstecken, visieren wir die Grenze zu Frankreich an.
Die Regenwolken haben sich verzogen und wir durchqueren eine fantastische Hochebene mit Korkeichenwald bevor es hinauf zum Grenzkamm geht. Viel schiebend und ein letztes Mal schwitzend erreichen wir den am Nachmittag und ich freue mich riesig auf frische Kleidung und das Bett im Van. Mein Fazit: der Pirinexus war eine rundum perfekte Radtour für uns.
Hier gibt’s die Tour auf Komoot:








































